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Felix (gelöscht)
Dabei seit: 29.07.2008
Beiträge: 0
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Serviera schrieb:
In vielen, jedoch längst nicht in allen, Veröffentlichungen über Hochbegabung liest man über einen angeblich besonders starken Gerechtigkeitssinn bei Hochbegabten. Ich finde es persönlich schwierig, ein solches Kriterium anzuwenden, da es meiner Meinung nach eine ganze Menge an Selbstreflexion erfordern würde, dies bei sich zu erkennen und das auch in Ermangelung von objektiven Kriterien für ein Gerechtigkeitsbewußtsein.
also ich kann nicht feststellen, dass es garkeine objektiven kriterien gibt, was ein gerechtigkeitsbewusstsein ist. ich denke, die schwierigkeit liegt hier alleine in der von kulturkreisen, gesellschaftsgruppen und von mensch zu mensch oft sehr unterschiedlichen intersubjektivität in der metaethischen betrachtung, bezogen auf die wahrnehmung der realitäten von moralischen wahrheiten.
dieses zeigt sich z.b. deutlich in dem unterschiedlichen verständnis von gerechtigkeit bezogen auf gesellschaftliches oder strafrechtliches fehlverhalten. während in unserem kulturkreis z.b. ein seitensprung innerhalb einer ehe, zwar auch als ungerecht empfunden wird, dem partner gegenüber, so kann dieses fehlverhalten in anderen kulturkreisen, gesellschaftlich akzeptiert, sogar mit dem tode bestraft werden.
aus unserer eher humanistisch geprägten sicht wäre für solch ein vergehen wie dem seitensprung eine bestrafung mit dem tode völlig unangemessen und somit ungerecht, aber genau hier verlässt das stark kulturell geprägte gerechtigkeitbewußtsein anderer menschen, dasjenige welches z.b. ich tief in mir empfinde und welches seit ich denken kann heftig in mir arbeitet.
ich empfinde, dass mein empfundenes gerechtigkeitsbewusstsein völlig frei ist von kulturellen einflüssen und sich alleine an basics orientiert, denen jeder denkende mensch zustimmen wird. es gibt aus meiner sicht eine art grundgerechtigkeit von der ausgehend jede menschliche handlung aus beurteilt werden kann und in ungerecht, oder gerecht kategorisiert werden kann. natürlich wurde ich dann später auch von kulturellen einflüssen geprägt, aber diese haben nicht so einen großen einfluss wie dieses empfinden der grundgerechtigkeit, welches ich seit meiner kindheit habe und bei dem ich davon ausgehe, das dieses empfinden prinzipiell in jedem menschen vorhanden ist, aber sich bei hochbegabten sehr stark äussert, weil mit zunehmender intelligenz zu einen die fähigkeit zur selbstreflexion und anderen aber auch der reflexion des geschehens um einen herum steigt.
dabei dreht sich bei mir alles um den begriff "würde". nicht nur bezogen auf den menschen, sondern prinzipiell alles um mich herum besitzt eine würde. diese ist dabei völlig unabhängig davon, ob z.b. ich oder andere diese "zusprechen" sondern sie ist immanent und unteilbar mit allem verbunden.
ich habe dieses mir innewohnende gefühl dann später auch in der philosophie wiedergefunden, z.b. schreibt immanuel kant hat in seiner "grundlegung zur metaphysik der sitten": menschenwürde ist die "achtung vor dem anderen", "der anerkenntnis seines rechts zu existieren" und "in der anerkenntnis einer prinzipiellen gleichwertigkeit aller menschen.". bei kant ist der mensch ein "zweck an sich" und darf nicht einem ihm fremden zweck unterworfen werden darf. die würde wird verletzt, wenn jemand einen anderen menschen für seine eigenen zwecke benutzt oder missbraucht.
während kant jedoch diese würde explizit nicht z.b. auf objekte bezieht, so ist bei mir dieser grundgedanke der würde, also "das recht zu existieren und gleichwertig zu sein" etwas, was sich bei mir schon immer auf alles um mich herum bezogen hat.
ich konnte es z.b. schon als kind nicht ertragen, wenn andere kinder von den büschen oder bäumen neben dem spielplatz, aus reinem spieltrieb, böswilligkeit oder welchen gründen auch immer, die äste abgebrochen haben. als ich 7 jahre alt war, wurde bei uns vor dem haus eine alte eiche gefällt, weil sie bei einem sturm, durch einen herabfallenden großen ast, das dach des haus beschädigt hatte. das empfand ich als sehr ungerecht und habe fast einen ganzen tag auf dem baum gesessen und mein vater konnte mich nur überzeugen runterzukommen, mit dem versprechen an gleicher stelle einen neuen baum zu pflanzen.
aber auch "lebelosen" objekten gegenüber hatte ich schon von klein auf dieses empfinden, ich habe als kleines kind kieselsteine "gerettet" und versteckt, die als untergrund für unsere hofeinfahrt dienen sollten. ich hätte sie am liebsten alle in sicherheit gebracht, musste aber eine auswahl treffen und habe mich innerlich bei den anderen entschuldigt.
das sind jetzt nur ein paar der unzähligen anekdoten, über die heute noch gerne bei familienfesten gelacht wird, auch vielleicht mit dem hintersinn, mich ein bisschen zu "ärgern".
aber im prinzip habe ich dieses kindliche gerechtigkeitsbewusstsein und vor allem die damit verbundenen starken gefühle bis heute nicht verloren. natürlich habe ich mich den realitäten stellen müssen, denn als mensch ist man darauf angewiesen, die ressourcen der natur für das eigene überleben zu nutzen, aber dieses mache ich so "verträglich", wie es eben möglich ist und heute vor allem mit dem blick aufs ganze, also die natur insgesamt. (das ist natürlich für einen menschen, der in einer westlichen zivilisation lebt, auch immer mehr oder weniger eine große selbstlüge, der ich mir bewusst bin, aber ich mache das beste daraus)
Serviera schrieb:
Ein paar Dinge scheinen jedoch festzustehen: Echtes Gerechtigkeitsbewußtsein muß sich sowohl aktiv wie passiv zeigen und damit auch in bezug auf die eigene und andere Personen. Nur unter diesen Umständen kann man von einem Interesse an Gerechtigkeit als Wert an sich ausgehen und das "gerechte Verhalten" nicht bloß durch Eigennutz erklären. Problematisch erscheint auch eine vollkommene Reduktion auf Empathiefähigkeit im Sinne von Mitleid, da die zu beurteilenden Situationen derart kompliziert sein können, daß man kein Subjekt findet, in das man sich einfühlen kann, oder diese zu zahlreich sind. Des weiteren fällt auf, daß auch bei anderen psychologischen Ausnahmesituationen ein solches Verhalten beobachtet wird. So z.B. bei AD(H)S, wo die angeblich schwerer zu kontrollierende Emotionalität, das Leid des anderen mittels des Einfühlungsvermögens stärker präsent hält im jeweiligen Subjekt. Auch bei Autisten ist ein "Idealismus" häufig beobachtet worden. Hier ist am ehesten zu denken an die Perseveranz in bezug auf Regeln, die angeblich der stark systematisierenden Denkweise dieser Menschen entspricht. Schwieriger finde ich, bei Hochbegabten eine Erklärung dafür zu finden. Denkbar wäre, daß eine überlegene Fähigkeit die jeweilige Situation zu analysieren auch subtile Benachteiligungen bestimmter Menschen in soziologischen Zusammenhängen bewußt werden läßt. Hier bleibt jedoch die Frage offen, woher die Motivation kommt, sich mit diesen Gerechtigkeitsfragen zu beschäftigen und diese in praktische Erwägungen auch einzubeziehen. (Mit diesem Sachverhalt hatten praktisch alle Moralphilosophen ihre Probleme.)
im gesellschaftlichen und privatem umfeld, im bezug auf andere menschen ist "gerechtigkeit" immer ein drahtseilakt, ich bin irgendwann dazu übergegangen, die emotionalität in mir, bewusst aus diesem thema herauszunehmen, ich empfinde tief in mir drin, wie gesagt weiterhin wie das kleine kind, aber wenn es um interaktion mit anderen menschen geht, dann bearbeite ich das alles ganz gezielt vor allem mit meiner ratio. das gelingt, auf grund der vielen variablen, in bezug auf gerechtigkeit nicht immer, aber eines "schützt" mich vor (für mich) "groben fehlverhalten" meinerseits und das ist der bei mir, wohl von geburt an, fehlende egoismus und die fehlenden gedanken an den eigennutz und der unbedingte wille zur vernunft.
aber genau das macht auch das leben und vor allem das zusammenleben mit anderen menschen auch ein bischen schwer, denn oft ist ein gesunder egoismus gesellschaftlich einfach notwendig, um z.b. beruflich voranzukommen, oder den "gerechten lohn" für die eigene arbeit oder tun zu bekommen, aber auch um in zwischenmenschlichen beziehungen zu seinem "recht" zu kommen.
aber hier habe ich das glück, das ich einfach durch das was und wie ich etwas mache automatisch sehr überzeugend bin und ich daher sehr selten in solche konflikte gerate und wenn doch, dann hilft mir eben genau dieses tiefes empfinden für gerechtigkeit und meine fähigkeit dieses gefühl auch nach aussen zu vermitteln, meinem z.b. "kämpfenden" gegenüber den wind aus den segeln zu nehmen und letztlich zu einem konsens zu kommen, der allen seiten mehr bringt, als die verschwendung von energien in einer auseinandersetzung. das klappt zwar nicht immer und da habe ich auch mal zurückstecken müssen, aber ich persönlich hatte immer das gefühl, auch wenn andere das als niederlage gesehen haben, das letztlich doch ich richtig gehandelt habe, denn ein "sieg" der auf einer ungerechtigkeit beruht, ist für mich keine basis, auf der ich irgendetwas aufbauen möchte.
Serviera schrieb:
Jetzt gebe ich noch ein paar Fragen als Impulse: Habt ihr einen solchen starken Gerechtigkeitssinn bei Hochbegabten erlebt? Kennt ihr das von euch selbst und könnt ihr (wenns nicht zu persönlich wird) Beispiele aus eurer Biographie nennen? Wie erklärt ihr euch das Zustandekommen? Und wie die (mal wieder) augenfällige Parallele mit AD(H)S und Autismus? Wie verhalten sich Idealismus und Gerechtigkeitssinn zueinander?
was das thema gerechtigkeit betrifft, bin ich für mich alleine genommen ein idealist und wurde im laufe meines lebens zum realisten. ich kann mir eine durch und durch gerechte gesellschaft vorstellen und in dieser auch problemlos leben, aber ich habe mich damit arrangiert, dass die realität eine andere ist.
"der vollkommene mensch paßt sich dem gehabe der gesellschaft an, ohne sein selbst zu verlieren." laotse
gruß felix
[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 27.05.2008 um 11:46.]
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Nase
Dabei seit: 24.12.2007
Beiträge: 311
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Beispiel: Ich war Klassensprecherin. Warum? Im Vorjahr hat eine Lehrerin etwas falsch an die Tafel geschrieben. Ich wusste, dass es falsch ist, und somit hätte es mir gleichgültig sein können, denn ich hatte ja nicht die Absicht, jemanden bloß zu stellen. Dann habe ich aber weiter gedacht und festgestellt, dass ja nicht jeder in meiner Klasse 1-er oder 2-er-Schüler ist, und manche das jetzt vielleicht falsch lernen. Da habe ich sie darauf hingewiesen. Betont freundlich und eher fragend. Am Ende waren alle dankbar. Das hat sich über das Jahr verteilt wiederholt.
Im Folgejahr (da war ich dann schon Klassensprecherin) gabs eine Situation, in der alle bis auf 4 oder 5 Klassenkameraden einen Verweis wegen "Unentschuldigtem Fernbleibens vom Unterricht" bekamen. Ich übrigens auch. Der Grund dafür war, dass wir für drei zehnte Klassen nur zwei Kunstlehrerinnen hatte und die c (nicht meine) geteilt war. Das hat der Korektor irgendwie nicht begriffen und unserem einen "Teil der Klasse" freigegeben. Er hat das dann falsch eingetragen und wir haben einfach verstanden, was wir hören wollten. Ich war definitiv nicht bereit, fast meine gesamte Klasse für einen (übrigens häufig ähnlich wiederholten) Fehler des Korektors büßen zu lassen und forderte sie auf, die Verweise unterschreiben zu lassen, das ist nämlich Pflicht, aber gültig werden sie nunmal erst, wenn man sie abgibt. Also schön vorzeigen, aber nicht hergeben. Ich hatte noch viel Streit mit der Kunstlehrerin, sie wollte mir sogar noch einen zweiten Verweis geben, weil ich den Korektor inkompetent genannt, also beleidigt hatte. (Hab mich da rausgeboxt, dass er ein Ass in Deutsch und Geschichte sein mag, aber verwaltungstechnisch einfach inkompetent ist)
Im Endeffekt wurden alle Verweise zurückgezogen.
Mein Problem: Mich für die Gleichberechtigung Anderer einsetzen: Kein Ding. Aber bis vor Kurzem konnte ich in meinem Kopf nur "Anwalt meines Gegners" spielen. Nie gab es einen Richter oder gar den Anflug mich selbst zu verteidigen. Das passiert mir immer noch, aber manchmal erinnere ich mich daran, dass ich ja auch ein Wesen mit Würde, Rechten und Bedürfnissen bin.
Ich fand auch als Kind schon ungerecht, dass wir uns in Deutschland die Wänste vollstopfen mit allem, was man auf der Welt essen kann und die Kinder in Afrika höchstens mal ein bisschen Reis bekommen können.
Ob das jetzt aber heißt, dass mein Sinn für Gerechtigkeit besonders ausgeprägt ist, kann ich fairerweise ( ) nicht sagen.
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